Mobilität: Heute. Morgen. Übermorgen.

Bericht über die Diskussionsveranstaltung mit Winfried Hermann MdL und dem Vorstandsvorsitzenden der Daimler AG, Ola Källenius

Veranstaltung Mobilität Heute.Morgen.Übermorgen am 27.11.2019

Moderator Michael Zeiß (li.) befragte an diesem Abend Ola Källenius (mi.) und Winfried Hermann (re.) zur Mobilität

Auf großes Interesse stieß die Veranstaltung “Mobilität: Heute. Morgen. Übermorgen”, zwischen dem neuen Daimler-Chef, Ola Källenius und dem grünen Landtagsabgeordneten Winfried Hermann. Viele Menschen wollten sich das Ereignis am 27. November nicht entgehen lassen. Sie waren schon frühzeitig in die Waldschule Degerloch gekommen, um sich einen Platz zu ergattern. Knapp 400 Personen hatten in Sporthalle an der Waldschule Platz. Da der Andrang auch nach Beginn der Veranstaltung ungebrochen groß war,  mussten etliche Interessierte leider wieder gehen.

Währenddessen konfrontierte Moderator Michael Zeiß (ehem. Chefredakteur des SWR) die Diskutanten Winfried Hermann und Ola Källenius gleich zu Beginn mit der Frage nach den Erwartungen an die Klimakonferenz von Madrid und mit der zentralen politischen und gesellschaftlichen Aufgabe unserer Zeit: der Rettung des Weltklimas. Hier betonte der Daimler-Chef eine gewisse Übereinstimmung mit Hermanns Vorstellungen: „Wir müssen langfristig weg von den Fossilen. Die Autoindustrie muss sich fundamental wandeln“, führte er aus.

Der neue Konzern-Chef, der aufgrund schlechter Zahlen für das Unternehmen unter Druck steht, verteidigte seinen Kurs. Angesichts von Gewinnwarnungen, Rückrufaktionen von 265 000 Diesel-Transportern und einem prognostizierten Absatzrückgang von 150 000 PKW, bleibt Källenius nichts Anderes übrig, als einen Sparkurs zu fahren.

Veranstaltung Mobilität Heute.Morgen.Übermorgen am 27.11.2019

Ola Källenius erklärt, wie Daimler bis 2040 klimaneutral werden soll.

Die Ziele, die sich der neue Vorstandsvorsitzende gesteckt hat, sind groß. Bis 2040 soll der Konzern komplett klimaneutral sein – sowohl in der Produktion, als auch bei den produzierten Fahrzeugen. Das macht er auch auf der Veranstaltung deutlich.

Sollte das gelingen, wäre Daimler zehn Jahre schneller, als es das Pariser Klimaabkommen vorsieht. Der Weg dorthin wird steinig. Bis 2021 will Daimler laut FAZ und Spiegel 6 Milliarden Euro im Kfz-Bereich und weitere 2 Milliarden im LKW-Sektor einsparen. Um dies zu erreichen, sollen 1100 Stellen im Management gestrichen werden. In der Produktion dagegen verzichtet Daimler auf betriebsbedingte Kündigungen bis 2029. Allerdings will der Konzern 10 000 Arbeitsplätze abbauen, indem z.B. frei werdende Stellen nicht mehr besetzt oder Vorruhestandsregelungen angeboten werden.  „Es stehen uns harte Jahre bevor“, meinte Källenius auf der Veranstaltung. „Allein die EU-Vorgabe, den Schadstoffausstoß der Flotte zu senken, stellt für uns eine große Herausforderung dar.“

Beim Thema Diesel und dem Betrug der Autoindustrie signalisierte Källenius  ein geändertes Problembewusstsein. Den Ausführungen, dass die Manipulationen und der Betrug bei den Diesel-Abgasen zu einer Rufschädigung und massiven finanziellen Einbußen der Unternehmen geführt hätten, wollte Källenius nicht widersprechen. „Ich habe den Eindruck, dass Herr Källenius an dieser Front tatsächlich aufräumen will“, so die Einschätzung von Hermann.

Auch an diesem Abend kam das Thema Fahrverbote zur Sprache. Das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart, wurden mit den vorrangig von der Automobilindustrie verursachten Probleme und deren Folgen – wie Protesten, Klagen und Gerichtsverfahren – fast gänzlich alleine gelassen, während die Bundesregierung und insbesondere Bundesverkehrsminister Scheuer durch Tatenlosigkeit glänzten. Die rechtzeitige Einführung einer Blaue Plakette durch den Bund hätte viel Ärger erspart. In Sachen Nachrüstung war es daher erfreulich, dass der neue Daimler-Chef an diesem Punkt Unterstützung formulierte.  „Wichtig ist mir: Lasst uns endlich Zukunftsdebatten führen und nicht immer die Zeit mit Streit über die Vergangenheit vergeuden“, kommentierte Hermann die Nachfragen zur Dieseldebatte und den Fahrverboten abschließend.

Veranstaltung Mobilität Heute.Morgen.Übermorgen am 27.11.2019

Gesprächssituation zwischen Michael Zeiß, Ola Källenius und Winfried Hermann in der Waldschule Degerloch.

Die E-Mobilität will man bei Daimler ebenfalls vorantreiben. Es befänden sich bereits 6 E-Modelle auf dem Markt und weitere in der Pipeline. Bis 2022 will Daimler in allen Fahrzeugklassen eine E-Variante anbieten. Bis 2025 soll die Produktpalette des Unternehmens zu 25% aus E-Fahrzeugen bestehen. Bis 2030 sollen es sogar 50% sein – Plug-In-Hybrid-Fahrzeuge eingeschlossen. Hier muss man allerdings kritisch anmerken, dass diese Fahrzeuge für Durchschnittsverdiener auch erschwinglich sein sollten. Darüber hinaus kritisiert Winne Hermann: „Und aus Klimaschutzgründen kann es nicht sein, dass weiterhin der Verkauf von SUVs forciert wird. Einen Menschen, der 70 Kilo wiegt, mit einem Gefährt von 1,5 Tonnen zu transportieren, ist nicht effizient“.

Um bis 2050 im Verkehrssektor klimaneutral zu werden, verfolgt Daimler 3 Alternativen zum Verbrenner: E-Fahrzeuge, die Brennstoffzelle und synthetische Kraftstoffe. Da der Effizienzgrad der Brennstoffzelle sehr viel geringer ist, als batterieelektrische Antriebe, muss hierzu weiter intensiv geforscht werden. Letztendlich werden vor allem schwere Fahrzeuge wie LKW oder Busse mit Wasserstoff CO2-neutral betrieben werden können. Bei entsprechender Entwicklung kommt dies auch für Schiffe und Flugzeuge infrage.

Veranstaltung Mobilität Heute.Morgen.Übermorgen am 27.11.2019

Winfried Hermann erklärt, was die Verkehrswende für das Mobilitätsverhalten in Baden-Württemberg bedeutet.

Beim Umstieg auf E-Mobilität muss die Frage der Energiewende dringend diskutiert werden. Dies wurde bei der Veranstaltung in Degerloch erneut deutlich. „Für die Energiewende benötigen wir sehr viel mehr Windräder und Fotovoltaik. Die Obstruktion von Teilen der Bundesregierung muss unbedingt durchbrochen werden. Die Abstandsregeln von 1000 Metern, welche Wirtschaftsminister Altmaier derzeit propagiert, bedeuten das Aus von 50% möglicher Windrad-Standorte in Baden-Württemberg. Das ist fatal. Kritisch muss ich mich bei diesem Thema aber auch mit manchen Naturschützern auseinandersetzen. Es kann nicht sein, dass bei jedem geplanten Windrad plötzlich ein Rotmilan auftaucht. Es geht beim Klimawandel und der Energiewende auch um das Wohl der Menschheit“, betonte Winne Hermann.  „Alle wollen Ökostrom, aber keiner will Windräder sehen“ assistierte Ola Källenius während der Veranstaltung in der Waldschule.

Als es um das Gelingen der Verkehrswende ging, appellierte Hermann: „Aus der Verkehrswende wird nichts, wenn wir die Verbrenner nur durch batterieelektrische Autos und Plug-In-Hybride ersetzen. Unser ganzes Mobilitätsverhalten muss sich ändern“. Was das Erreichen der Pariser Klimaschutzziele bis 2030 für das Mobilitätsverhalten in Baden-Württemberg bedeutet, führte er deutlich und unmissverständlich aus: „Um unsere Klimaziele von 40% weniger CO2 gegenüber 1990 zu erreichen, brauchen wir bis 2030 ein Drittel weniger Kfz-Verkehr in den Städten, eine Verdoppelung des öffentlichen Nahverkehrs und jedes dritte Auto muss klimaneutral unterwegs sein. Zudem muss jede dritte Tonne im Transport- und Güterverkehr klimaneutral bewegt werden und die Hälfte der meist kurzen Wege, sollen mit dem Fahrrad und zu Fuß zurückgelegt werden“.

Veranstaltung Mobilität Heute.Morgen.Übermorgen am 27.11.2019

Hermann sieht den grünen Teil der Landesregierung im Verkehrsbereich auf gutem Weg: „Die Tarifreform im VVS macht den ÖPNV in Stuttgart günstiger als in den meisten anderen Großstädten. Die neuen Metropolexpresszüge bieten eine gute Alternative zum Auto. Und unsere Radschnellwege-Strategie ermöglicht es Pendlern aufs Rad umsteigen und am Stau vorbeizufahren“.

Am Ende der Debatte war für Winne Hermann klar: „Den Weg der ökologischen Transformation des Verkehrs in Baden-Württemberg werden wir konsequent weitergehen. Nach dem Diskussions-Abend mit Daimler-Chef Källenius habe ich den Eindruck, dass diese Botschaft inzwischen auch in Untertürkheim angekommen ist“.

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