Gemeinschaftsschulkonzept in Stuttgart-Plieningen vorgestellt

Körschtalschule und Anne-Frank-Gemeinschaftsschulen zeigten auf einer Diskussionsveranstaltung des Landtagsabgeordneten Winfried Hermann, wie Gemeinschaftsschule funktioniert und warum das Konzept vorteilhaft ist.

„Aktuellen bildungspolitischen Herausforderungen begegnen – Gemeinschaftsschulen stellen sich vor“, unter diesem Titel fand am Dienstag, 26. Februar 2019 um 19.00 eine Informations- und Diskussions-Veranstaltung in Stuttgart-Plieningen statt.

Initiator der Veranstaltung war der Landtagsabgeordnete Winfried Hermann, in dessen Wahlkreis auf den Fildern sich zwei der acht Gemeinschaftsschulen in Stuttgart befinden.

Gemeinschaftsschulkonzept in Stuttgart-Plieningen vorgestelltNach der offiziellen Begrüßung und einem Medley des Chors der Körschtalschule, referierte Winfried Hermann über die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe zur Einführung der Gemeinschaftsschule 2011. Als Anekdote berichtete er auch über seine Zeit als Lehrer, die  nun schon fast 35 Jahre zurückliegt.  Er berichtete darüber, dass bis 2011 20% der Schülerinnen und Schüler (in BW) die Schulen mit mangelhaften Kenntnissen in Deutsch, Mathe und Englisch und/oder ohne Abschluss verließen. „In kaum einem Bundesland war der Schulerfolg eines Kindes so stark von Bildungsstand, sozialer Stellung und Beruf der Eltern abhängig wie hier bei uns“, machte der Abgeordnete klar.   Ein Kind, das nach der 4. Klasse auf die Hauptschule geschickt wurde, machte eine frustrierende Misserfolgs-Erfahrung, welche nicht zum Lernen animierte. Ging dieses Kind dann ohne Abschluss von der Schule, fand es oft keinen Ausbildungsplatz, keine, oder schlechte Arbeit und erfuhr keine soziale Integration. Kurzum: „Das alte Schulsystem hatte keine richtige Antwort auf die Herausforderungen dieser sozialen Selektion.  Und auch aufgrund der damals deutlich zurückgehender Schülerzahlen war das System so nicht mehr in seiner Gänze zu halten“.

Diese Probleme behebt die Gemeinschaftsschule. „Sie bietet Bildungschancen für alle, unabhängig von sozialer Herkunft und schafft es die Kinder individuelle zu fördern und zu fordern“, betonte Hermann. „Vor allem das längere gemeinsame Lernen ist einer der größten Vorteile der Gemeinschaftsschulen. Sie lässt den Schülerinnen und Schülern Zeit, sich zu entwickeln. Schließlich entwickeln sich nicht alle Kinder zum gleichen Zeitpunkt gleich. Das war ja bisher immer eine irrige Annahme im Schulsystem. Deswegen ist es so wichtig, dass die Gemeinschaftsschulen es den Kindern ermöglicht einen möglichst langen, gemeinsamen Weg zu allen allgemeinbildenden Abschlüssen zu gehen, ohne dass die Schule deswegen gewechselt werden muss“, erklärte Hermann.

Gemeinschaftsschulkonzept in Stuttgart-Plieningen vorgestelltNachdem der Landtagsabgeordnete geendet hat, präsentierten sich beide Gemeinschaftsschulen, die Körschtalschule  und die  Anne-Frank-Gemeinschaftsschule  und erläuterten den Zuhörern wie das Gemeinschaftsschul-Konzept in der Praxis funktioniert.

So berichteten die Schulleiter-Teams, dass die Gemeinschaftsschulen alle so genannte gebundene Ganztagsschulen sind. Nach dem offiziellen Unterricht haben die Kinder direkt Zeit für die Hausaufgaben und zahlreiche AG’s wie Kochen, Basteln, Fußball, Mädchen, Jungs und etlichen weiteren AG’s.  Dass man die Hausaufgaben direkt in der „Lernzeit“ in der Schule machen kann, empfanden alle Schülerinnen als Vorteil, „dann kann man die Sachen gleich in der Schule lassen und muss die nicht erst nach Haus schleppen“, war eine der Wortmeldungen der Schülerinnen dazu.

Die Schülerinnen und Schulleiter erklärten anhand eines Wochenplans, wie man sich eine Gemeinschaftsschule vorstellen muss. Dabei würde beispielsweise im Basisteil des Unterrichts alle Schülerinnen und Schüler den gleichen Input vom Lehrer bekommen. Im Anschluss daran entscheiden die Schüler dann, auf welchem Niveau sie sich die Aufgaben zu dem Thema zutrauen. Die Niveaus werden unterteilt in „G“ (Hauptschule), „M“ (Realschule) und „E“ (Gymnasium).  So finden sich in allen Klassen drei Grüppchen, die im jeweiligen Fach an ihrem eigenen Niveau arbeiten. Über das sogenannte „Coaching-System“ würden sich die Lehrer dann ca. alle zwei Wochen mit den Schülern über ihre Fortschritte und die Niveaus unterhalten und beraten. Die Schülerinnen berichteten, dass sie das System als sehr hilfreich empfinden, weil sie so nicht überfordert sind und selbst die Möglichkeiten haben sich in jedem Fach Schritt für Schritt zu verbessern. „Bei mir war es zum Beispiel so, dass ich die ersten Jahren in Mathe nur das „G“-Niveau konnte und inzwischen kann ich das „M“-Niveau schon richtig gut“, erklärte eine Schülerin. 

Gemeinschaftsschulkonzept in Stuttgart-Plieningen vorgestelltAuch die Schulleiter unterstrichen, wie wichtig diese Orientierungsmöglichkeit und Verbesserungsmöglichkeit für die Schülerinnen und Schüler sind. „Wenn jemand aufgrund von Krankheit oder einer Verletzung länger ausfällt, dann ist das nicht mehr so ein dramatisches Problem wie früher. Der Schüler kann dann auf seinem eigenen Niveau wieder einsteigen und sich Stück für Stück vorarbeiten“.  

Das entscheidende am Konzept sei, dass man mit jedem Schüler individuell arbeiten kann und nicht, wie vorher alle Schülerinnen und Schüler zur selben Zeit das gleiche können müssen und ausschließlich daran gemessen werden, berichteten die Schulleiter einhellig. Die Schüler könnten sich entsprechend an ihrem Niveau arbeiten und müssten nicht vorschnell auf einen Schulabschluss festgelegt werden. „In der 8. Klasse setzen wir uns dann mit den Eltern und den Kindern zusammen und besprechen, welches Abschlussziel ins Auge gefasst wird“, berichtete einer der Schulleiter.

Gemeinschaftsschulkonzept in Stuttgart-Plieningen vorgestelltGabriele Nuber-Schöllhammer, die schulpolitische Sprecherin der Grünen Gemeinderatsfraktion Stuttgart, erläuterte daraufhin die  Perspektiven der Gemeinschaftsschule in Stuttgart. Dabei nahm sie auch Bezug auf die Entwicklungen der letzten Jahre. So sei die Gemeinschaftsschule in Stuttgart 2013 mit nur 48 Schülern gestartet. Bereits 2017 waren es gut 1.700 Schülerinnen und Schüler, die auf eine solche Schule gingen. Vier der Schulen seien aktuell dreizügig und die übrigen vier Schulen seien momentan zweizügig, wusste Nuber-Schöllhammer zu berichten.

Schnell kam sie auf eine der wichtigsten Themen in Bezug auf die Gemeinschaftsschulen in Stuttgart zu sprechen: eine gymnasiale Oberstufe. Dafür seien 60 Schüler mit „E“-Niveau in Sekundarstufe II auf den Gemeinschaftsschulen nötig. Bei den 1.700 Schülern in Stuttgart ist das eher kein Problem, machte die bildungspolitische Sprecherin der Gemeinderatsfraktion deutlich. Sie berichtete, dass solch eine Oberstufe aktuell entstehe. Für wünschenswert hält sie es, dass sich in den nächsten Jahren noch ein zweiter Standort  mit gymnasialer Oberstufe in Stuttgart findet.

Gemeinschaftsschulkonzept in Stuttgart-Plieningen vorgestelltIm Anschluss an die zahlreichen Infos von Hermann, den Schulen und von Nuber-Schöllhammer entspann sich eine  ausgiebige Diskussion mit dem Publikum. Zahlreiche Fragen wurden gestellt: Sind gymnasiale Oberstufen für alle stuttgarter Gemeinschaftsschulen möglich? Wie gut funktioniert der bisherige Wechsel von den Gemeinschaftsschulen auf die beruflichen Gymnasien? Ist es ein Problem, dass bei angehenden Pädagoginnen und Pädagogen mit Schwerpunkt Gymnasium die Binnendifferzierung der Klassen – also, dass alle Schüler unterschiedliche, individuelle Voraussetzungen mitbringen – kaum eine Rolle spielt? Was passiert, wenn die Schülerinnen und Schüler den angestrebten Abschluss in der 9. und 10. Klasse nicht schaffen? Gibt es genauso viele Abbrecher wie an anderen Schulen? Kriegen die Schüler auch Noten? Sind die Gemeinschaftsschulen in Stuttgart immer gebundene Ganztagsschulen?

Gemeinschaftsschulkonzept in Stuttgart-Plieningen vorgestelltDiese vielen unterschiedlichen und zahlreichen Fragen machen vor allem deutlich, dass sich die Leute für das Thema interessieren, aber vielen das Konzept an und für sich nicht geläufig ist und der Diskussionsbedarf noch groß ist. Diese Veranstaltung hat sicher seinen Beitrag dazu geleistet, dass einige Leute das Konzept der Gemeinschaftsschule jetzt besser verstehen.

 

 

 

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